Konkurrenzfähigkeit und Währungsabwertung

Imperialismus konkret:

Wird die Konkurrenzfähigkeit erhöht, wenn die Währung abgewertet wird?

Glaubte man den imperialistischen Lohn- und Staatsschreiberlingen, dann bestünde ein wesentliches, für manche sogar das wesentlichste Unglück Griechenlands darin, dass es in der Eurozone gefangen sei und daher seine „natürlichen Wettbewerbsnachteile“ („natürlich“, da nicht deutschstämmig!) nicht durch Abwertung der nationalen Währung kompensieren könne. Andere konkurrenzschwache Länder, vor allem die in Ost- und Südosteuropa, hätten diesen Fehler nicht gemacht und stünden daher heute viel besser da. Bulgarien und Rumänien blühten auf, während sich Griechenland in der Sch…gasse befände.

Diese Logik lautet also: Zurückbleibende Produktivität und damit Konkurrenzfähigkeit kann kompensiert werden durch Abwertung. Wer abwertet, der gewinnt – heißt es – an Konkurrenzfähigkeit, wer nicht oder wer sogar aufwertet, verliert. Wenn es so wäre, müsste es sich in der bürgerlichen Statistik reflektieren. Schauen wir uns also die Wechselkursentwicklung der letzten zehn Jahre und die relativen Produktivitätsverhältnisse zueinander sowie deren Entwicklung an[1].

Wechselkurse zum €          
BIP (nominal) pro Kopf in €              
BIP indexiert pro Kopf in PPP (EU 27 =100)          

2000

2011

%

2000

2010

%

2000

2010

%

Bulgarien

1,9490

1,9558

-0,35

     1.700     4.800

182

28

44

57

Tschechien

35,5990

24,5900

30,93

     6.200   14.200

129

71

80

13

Dänemark

7,4538

7,4506

0,04

   32.500   42.500

31

132

127

-4

Estland (bis 2010)

15,6466

15,6466

0,00

     4.500   10.700

138

45

64

42

Kroatien

7,641

7,439

2,64

     5.300   10.400

96

50

61

22

Ungarn

259,9700

279,3700

-7,46

     4.900     9.700

98

54

65

20

Litauen

3,6952

3,4528

6,56

     3.600     8.400

133

40

57

43

Lettland

0,5592

0,7063

-26,31

     3.600     8.000

122

36

51

42

Malta (bis 2007)

0,4041

0,4293

-6,24

   11.000   14.800

35

85

83

-2

Norwegen

8,1143

7,7934

3,95

   40.700   64.500

58

165

181

10

Polen

4,0078

4,1206

-2,81

     4.900     9.300

90

48

63

31

Rumänien

1,9922

4,2391

-112,78

     1.800     5.800

222

26

46

77

Slowenien (bis 2006)

206,6200

239,6000

-15,96

   10.800   17.300

60

80

85

6

Slowakei (bis 2008)

42,6020

31,2620

26,62

     4.100   12.100

195

50

74

48

Deutschland    24.900   30.300

22

118

118

0

Frankreich    23.700   29.800

26

115

108

-6

Griechenland    12.600   20.100

60

84

90

7

Irland    27.800   34.900

26

132

128

-3

Italien    21.000   25.700

22

118

101

-14

Österreich    26.000   34.100

31

132

126

-5

Portugal    12.500   16.200

30

81

80

-1

Spanien    15.600   22.800

46

97

100

3

EU 27    19.100   24.400

28

100

100

0

EU 17    21.600   27.600

28

112

108

-4

UK

0,60959

0,86788

-42,37

   27.200   27.400

1

119

112

-6

Schweiz

8,4482

9,0298

-6,88

   38.900   42.500

9

144

147

2

Quelle: Eurostat

Diese kleine Tabelle ist in mehrerlei Hinsicht ein Schlag ins Gesicht des „gesunden Menschenverstands“, der sich als „Griechenland-Experte“ aufbläht.

Das beginnt schon mit der griechischen Produktivität [2]. Glaubte man der imperialistischen Propaganda, dann hätte man den Eindruck, die griechische Produktivität müsse verheerend niedrig sein, alles Schrott, nicht nur die Staatspapiere. Aber das nominale BIP/Kopf liegt bei 90% des EU 27-Durchschnitts (und übrigens inflationsbereinigt, also real, immer noch bei 75%) und somit (und das nach zwei vorsätzlich herbeigeführten schweren Krisenjahren!) weitaus höher sogar als das der kapitalistischen Musterschüler Tschechien oder Slowenien, gar nicht zu reden vom gesamten Balkan, vom gesamten Baltikum, ebenfalls Musterschüler kapitalistischer „Modernisierung“, von Ungarn, Kroatien, Polen, der Slowakei. Auch ein Vergleich des kaufkraftbereinigten BIP zeigt einen deutlichen Vorsprung Griechenlands.

Wieso sind dann „die Griechen“ der Inbegriff der Achse der Faulen und Bösen [3]? Es ist für jeden, der sehen will, offensichtlich, dass „man“ (und das sind nicht in erster Linie die US-Ratingagenturen, sondern diverse interessierte „Investoren“ mit dem deutschen Imperialismus an der Spitze) das Land seit Anfang 2010 brutal und systematisch in den völligen Ruin treibt, nicht aus Dummheit, sondern zielstrebig und bewusst, um es völlig auszukaufen und zu versklaven. Und offensichtlich möchten einige andere (das sind jetzt die Ratingagenturen bzw. um präzise zu sein der US- und in seinem Schlepptau der UK-Imperialismus) das Land aus der Eurozone herausbrechen. Nach zwei Jahren „Hilfe“ ist es vielleicht bald soweit. Es sei denn, der Volkswiderstand kann sich zu einer Rebellion im Land entwickeln, die stark genug ist, den Kolonisierungskurs zu durchkreuzen.

Auf den ersten Blick schon ist in der obigen Tabelle nichts, aber auch schon gar nichts von den oben angeführten angeblich zwingenden und selbstverständlichen Zusammenhängen zu erkennen. Nehmen wir z.B. Bulgarien und Rumänien. In puncto Produktivität ist kein sehr großer Unterschied, in deren Entwicklung über die letzten zehn Jahre auch nicht. Das BIP/Kopf stieg in Bulgarien um +182% und in Rumänien sogar um +222%. Bei einem Vergleich des kaufkraftbereinigten BIP wuchs dasjenige Bulgariens um 57% stärker als der EU 27-Durchschnitt, dasjenige Rumäniens um 77% stärker. Und dennoch hat die die rumänische Währung um -113% gegenüber dem Euro abgewertet, während die bulgarische völlig stabil blieb. Wurde die rumänische Wirtschaft bzw. das Trümmerfeld, das von ihr geblieben ist, dadurch geschützt (z.B. vor der OMV) oder angekurbelt? Wurde die bulgarische dadurch beschädigt? (Nebenbei kann man auch das Beispiel der imperialistischen Länder analysieren. Das britische ₤ hat gegenüber dem € um -42% abgewertet; hat das die britische Konkurrenzfähigkeit verdoppelt? Der € selbst ist gegenüber dem $ in den letzten zehn Jahren um fast 50% (von 0,90 auf 1,35) gestiegen; sind die imperialistischen Euroländer deshalb untergegangen?)

Griechenland, heißt es, hätte wegen seines Produktivitätsrückstands längst und stark abwerten müssen und das sicher auch getan, wenn es nicht Mitglied der Eurozone wäre. Wieso hat aber dann Bulgarien, das eine nur halb so hohe Produktivität wie Griechenland hat, nicht abgewertet und trotzdem an Produktivität aufgeholt? Wieso hat Tschechien, dessen Produktivität um fast 10% unter der griechischen liegt, um über 30% aufgewertet und ist nicht untergegangen?

Die internationale Konkurrenzfähigkeit, soweit sie sich überhaupt heutzutage noch über Marktverhältnisse darstellt und nicht z.B. durch monopolistische und staatsmonopolistische Strukturen geprägt ist, hängt hauptsächlich von der kapitalistischen Produktivität ab, also davon, wieviel Profit das Kapital aus soundsoviel Kapitaleinsatz „erwirtschaften“ kann, und das wiederum ist bestimmt einerseits durch den Ausbeutungsgrad, der den Mehrwert erhöht, und andererseits durch die „technische“ Produktivität der Produktionsmittel und -prozesse, die dem produktiveren Kapital erlauben, Mehrwert zu seinen Gunsten umzuverteilen. Die Wechselkurse spielen ebenfalls eine Rolle, aber in der Regel eine zweitrangige. Man braucht sich ja bloß zu überlegen, ob etwa die jahrzehntelange deutsche oder österreichische „Hartwährungspolitik“ die Konkurrenzfähigkeit der deutschen oder österreichischen Wirtschaft beeinträchtigt hat. Sie hat es natürlich, wie man sah und übrigens auch immer wieder betonte, nicht. Aber das galt eben für Österreich, das ist ja etwas ganz anderes, „wir“ sind ja weder faul noch korrupt, bei Griechenland ist das aber ganz anders!

Für so unterschiedliche Sichtweisen gibt es freilich gute imperialistische Gründe: Was nämlich sehr wohl und sehr unmittelbar durch den Wechselkurs beeinflusst wird, sind die Kosten von Direktinvestitionen. Gäbe es wieder eine Drachme und würde diese abwerten, dann wären der Hafen Piräus, der Flughafen Athen, die griechische Telekom, einige Banken, kurz alles was das deutsche oder französische Investorenherz begehrt, allein schon wegen des Wechselkurses viel billiger zu haben. Das steckt – neben der puren chauvinistischen Hetze – hinter derartigen „Überlegungen“ der imperialistischen Bourgeoisien (bzw. von Teilen davon samt der von ihnen bezahlten Schreibknechte), welche aber freilich anderen Interessen derselben Bourgeoisien (bzw. anderer Teile davon), nämlich ihrem Interesse am Warenexport nach Griechenland oder des Wertverlustes schon bestehender Investitionen oder auch banal an der Rückzahlung der griechischen Staatsschuld, gar nicht in den Kram passten.

Wie man sieht, ist der Wunsch der Vater des Gedankens oder, materialistisch ausgedrückt, das imperialistische Profit- und Kolonialinteresse der Vater von Politik und „Wissenschaft“. So viel zur bourgeoisen Absurdität, ein Land mit schlechter Konkurrenzfähigkeit müsse abwerten, damit sich seine Konkurrenzfähigkeit verbessere (als ob es keine anderen und wesentlich wichtigeren Determinanten dieser Konkurrenzfähigkeit gäbe als Wechselkurs und Zahlungsbilanz).


[1] Der erste Block der Tabelle zeigt die Wechselkurse der Nicht-Euro-Währungen gegen den Euro in ihrer Entwicklung im letzten Jahrzehnt (1 € = ? Währung). Der zweite Block zeigt das (nominale) BIP pro Kopf in Euro. Das ist in gewissem Maß ein Maßstab der Produktivität, allerdings sind diese Zahlen eben nominal, also zu laufenden Preisen, so dass sie sowohl durch die Inflation (niedrigere und höhere Inflationsraten in den verschiedenen Ländern) als auch durch von vornherein unterschiedliche nationale Preisniveaus beeinflusst bzw., wenn man einen „realen“ Produktivitätsvergleich anstellen möchte, „verfälscht“ sind. Man müsste daher diese Werte bereinigen um die sogenannten Kaufkraftparitäten („purchasing power parities“ = PPP), die ja in jedem Land unterschiedlich sind. Der dritte Block zeigt daher das BIP pro Kopf, aber jetzt um die unterschiedlichen PPP bereinigt. Das heißt, dass unterschiedliche Preisniveaus in verschiedenen Ländern  (die relative „Kaufkraft“ von soundsoviel € pro Land) herausgerechnet werden. Wenn laut Eurostat die Maßzahl der Kaufkraft in Deutschland im Jahr 2010 104,3 war (wobei der Durchschnitt der EU 27 als 100 angesetzt wurde) und diejenige Griechenlands 95,1, dann heißt das, dass eine bestimmte (stoffliche) Menge BIP, ob Waren oder Dienstleistungen, in Deutschland 104,3 € kostet und in Griechenland 95,1 €, also um 9% weniger. Bereinigt man das BIP pro Kopf um diese unterschiedlichen „Kaufkraftparitäten“ oder anders gesagt: tut man so, als ob die Kaufkraft eines € überall gleich wäre, dann kommt man auf eine international vergleichbare BIP-Produktivität. Die so ermittelte griechische Produktivität liegt 2010 bei 90, also 10% unter dem EU 27-Durchschnitt (von 100), die deutsche bei 118. Das bedeutet, dass sich für einen deutschen Kapitalisten bei seinen Einkäufen und Investitionen in Griechenland jeder „deutsche“ Euro in 1,09  „griechische“ Euro verwandelt. Wegen der höheren Produktivität des deutschen Kapitals wird zweitens Mehrwert vom griechischen zum deutschen Kapital umverteilt.

[2] Produktivität heißt hier BIP pro Kopf und natürlich findet sich im BIP alles wieder, was Kohle bringt, also z.B. auch der zweifellos unproduktive Bankensektor. Eine Schmiergeldfirma z.B. trägt ebenso zum BIP bei wie ein Börsen- oder Immobilienmakler. So ergibt sich für Gebilde wie Liechtenstein oder Luxemburg, wo es außer den berühmten „Heuschrecken“ und/oder einer schmarotzerischen Bürokratie überhaupt nichts mehr gibt (früher gab es einmal eine luxemburgische Stahlindustrie), eine hohe „Produktivität“. Zweitens sagt es nichts darüber aus, wer (welche Bourgeoisie) über dieses BIP verfügt. Z.B. kommt ein erheblicher Teil des rumänischen BIP der OMV zu. Schließlich sagt es nichts über die Lage der Arbeiterklasse und des Volkes aus, denn der kapitalistische „Reichtum“ ist ja nur derjenige der Bourgeoisie.

[3] Wobei das eigentliche Böse natürlich vor allem der erbitterte Widerstand der griechischen Volksmassen ist.

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