Krise: Wenn ein paar Graphiken mehr sagen als viele Worte…

Die „Monthly Review“, „independent socialist magazine“ aus den USA, eine Mischung aus einem gewissen bürgerlichen „Marxismus“ (samt einer ziemlich großen Beimischung gewöhnlicher bürgerlicher „Volkswirtschaftslehre“) und einer fortschrittlichen und demokratischen Gesinnung, aber stets nützlich wegen vielen wertvollen Informations- und Faktenmaterials, bringt in der Ausgabe aus Mai 2012 einen Artikel  „The Endless Crisis“. Dort findet man u.a. die folgenden sehr anschaulichen Graphiken zur Entwicklung der  US-Wirtschaft  .

Wachstum der Industrieproduktion (in %)

wachstum industrieprod

wachstum industrieprodukton

Wachstum des Fixkapitalstocks (in %)

fixkapitalstock

fixkapitalstock

Kapazitätsauslastung der Sachgüterproduktion (in %)

sachgüterkapazitätsauslastung

sachgüterkapazitätsauslastung

Die Industrieproduktion wächst immer langsamer, die Nettosachanlageinvestitionen werden immer geringer, sodass der Fixkapitalstock seit den 1980er Jahren um die Null-Linie herum stagniert und zeitweise sogar schrumpft, die Kapazitätsauslastung verfällt auf inzwischen unter 78% der verfügbaren Produktionskapazität (was übrigens mit chronischer Massenarbeitslosigkeit einhergeht).

Diese drei Graphiken zeigen in selten anschaulicher Form eine niedergehende und verfallende Wirtschaft, die sich in Richtung chronischer Stagnation bewegt, bei lebendigem Leib verfault und daher zu enormer Krisenanfälligkeit tendiert, auch bei jedem Windstoss aus der Ecke der Finanzspekulation und bei jedem Rülpser einer Ratingagentur.

Die langfristige Tendenz in Richtung Stagnation reflektiert sich auch in der nachfolgenden Graphik, welche neben den USA auch die EU und Japan erfasst und das Wachstum des (realen, also inflationsbereinigten) BIP zeigt.

GDP vergleich

GDP vergleich

Wachstumsraten des BIP (in %)

Der Grund für diese Entwicklung liegt in der bereits von Marx analysierten immanenten Tendenz der kapitalistischen Akkumulation zu Überproduktion und Überakkumulation, eine Tendenz, die sich im Imperialismus, im monopolistischen Stadium des Kapitalismus, enorm verschärft hat. Diese Tendenz ist eng verbunden mit einer anderen von Marx entdeckten Gesetzmäßigkeit der kapitalistischen Entwicklung, dem tendenziellen Fall der Profitrate. Wenn immer mehr „konstantes Kapital“ in Form von Produktionsmitteln etc. angehäuft und mit (relativ dazu) immer weniger „variablem Kapital“, d.i. die lebendige Arbeit, in Bewegung gesetzt wird, dann sinkt tendenziell – da nur letztere Wert und daher auch Mehrwert erzeugt – die Profitrate, d.i. das Verhältnis des erzeugten Mehrwerts zum insgesamt eingesetzten Kapital.

Diesem Druck auf die Profitrate versuchen die Kapitalisten auszuweichen: durch Steigerung der Ausbeutung und Ausplünderung der Arbeiterklasse und der Volksmassen, durch die Einbeziehung immer neuer Sphären und Bereiche in die Kapitalverwertung (darunter auch der wieder kapitalistisch gewordenen Sowjetunion und China), durch den Versuch, „fremden“ Mehrwert an sich zu reißen usw. Die tendenziell fallende Profitrate ist auch die Triebkraft der berühmten „financialisation“: das Kapital, das in der sog. „Realwirtschaft“ keine ausreichend profitablen Anlagemöglichkeiten mehr findet, akkumuliert zunehmend nur mehr als Geldkapital und stürzt sich in die reine Finanzspekulation. Die tendenzielle Stagnation, das Wechselbad aus akuter Krise („Rezession“) und Depression (statt einem wirklichen Aufschwung), die extreme Krisenanfälligkeit und Instabilität – diese Dauerkrise, die wir seit 2007/08 gerade wieder einmal massiv und hautnah erleben, führt schnurstracks zu den Spekulationsblasen und Finanzkrisen.

Um diese „financialisation“ aufzuzeigen, bringt die „Monthly Review“ noch eine weitere (auf den ersten Blick etwas verwirrende und auch nicht sehr glücklich gewählte) Graphik über das Gewicht des Finanzsektors, in den USA üblicherweise als FIRE (Finance, Insurance, Real Estate) tituliert, in der gesamten Volkswirtschaft. Sie setzt zu diesem Zweck die „Wertschöpfung“ des Bereiches FIRE (ausgedrückt als dessen Beitrag zum BIP) ins Verhältnis zur Wertschöpfung der Sachgüterproduktion (ausgedrückt als deren Beitrag zum BIP). Transparenter wäre es schon einmal rein statistisch gesehen, die „Beiträge“ beider Bereiche jeweils einzeln zum BIP zu betrachten, statt diese Anteile miteinander zu vergleichen. Vor allem aber sagt die sich im BIP niederschlagende „Wertschöpfung“ des FIRE überhaupt nichts Vernünftiges aus, denn diese „Wertschöpfung“ ist ja gar keine wirkliche Wertschöpfung, sondern nur die Aneignung von anderswo erzeugtem Mehrwert. Der FIRE ist fiktives Kapital, das selbst allenfalls heiße Luft produziert. Aussagekräftiger wäre es, die Anteile beider Bereiche am Gesamtprofit miteinander zu vergleichen. Dass nämlich ein immer größerer Teil des Gesamtprofits in die Taschen des FIRE fließt, sagt etwas aus über Fäulnis und Parasitismus dieser Gesellschaftsordnung und über ihren unüberwindbaren Hang zu Finanzkrisen, Spekulationsblasen etc. Aber immerhin veranschaulicht auch diese Graphik das dramatisch zunehmende Gewicht der reinen Geldkapitalverwertung in der Gesamtökonomie USA.

Anteil FIRE am BIP/Anteil Sachgüterproduktion am BIP

FIRE aneil

FIRE aneil

Fazit: Eine niedergehende Gesellschaft stürzt sich auf immer parasitärere Formen der „Wertschöpfung“. Immer schärfer zeigt sich, dass sie keine ökonomische Perspektive hat. Immer mehr sucht sie zeitweilige Auswege in Finanzengagements und Finanzabenteuern (wodurch sich aber ihre inneren Widersprüche nur immer mehr verschärfen). Und immer mehr in imperialistischen Kriegen! Das alles gilt für Europa ebenso wie für die USA. Dass sie keinen ökonomischen Ausweg hat, heißt aber nicht, dass sich ihr Todeskampf nicht noch über lange Zeit hinziehen kann, solange nicht dem Kapitalismus durch die sozialistische Weltrevolution der Garaus gemacht wird.

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