Was hat es mit der US-„Normalisierung“ gegenüber Kuba auf sich?

Sensationell und positiv sei laut imperialistischen Medien die „historische“ Entscheidung (besser: Ankündigung) des Präsidenten Obama vom 17. Dezember 2014, die Sanktionen gegen Kuba – nein, nicht etwa aufzuheben, sondern – schrittweise zu lockern. Selbstverständlich waren und sind die Sanktionen des US-Imperialismus gegen Kuba ein imperialistisches Verbrechen, eines der vielen gegen das Land, das seine Wirtschaft erheblich geschädigt hat, und jeder fortschrittliche antiimperialistisch gesinnte Mensch musste und muss weiterhin für deren Aufhebung eintreten. Aber darum geht es der imperialistischen Öffentlichkeit gerade nicht. Vielmehr freuen sich viele Kapitalisten banal darüber, dass damit noch viel mehr und noch profitableren Geschäften in und mit Kuba politisch nichts mehr im Weg stünde. Endlich, denken sie, kriegen sie ihren Handels-, Investitions- und auch Kreditstiefel in das Land; was der über ein halbes Jahrhundert währende Boykott nicht erreicht hat, erreicht jetzt – unter den veränderten inneren Bedingungen in Kuba – ein „Tauwetter“ vielleicht in ein paar Jahren. Der politische Nutzen der Isolierung Kubas wirkt demgegenüber längst nicht mehr so wie früher, vor allem nicht in Süd- und Mittelamerika, und irgendeine politische „Gefahr“ geht von dem längst zu einer Allerwelts-Staatsbourgeoisie degenerierten kubanischen Regime, das nicht einmal mehr „revolutionäre“ Phrasen absondert, auch nicht mehr aus. Auch viele inzwischen während der letzten Jahre wieder hochgekommene kubanische Kleinbourgeois freuen sich und noch viel mehr freut sich die dortige Staatsbourgeoisie, die an der imperialistischen Durchdringung der kubanischen Wirtschaft kräftig mitzuschneiden gedenkt. Letzteres ist wahrscheinlich überhaupt der Kernpunkt aus kubanischer Sicht.

Aber auch viele (wirkliche und vermeintliche) Antiimperialisten freuen sich, als ob das tatsächlich ein „Rückzieher“ des US-Imperialismus wäre, und manche von ihnen glauben in ihrer Verblendung sogar, dass das ein Sieg des (für sie immer noch, zumindest ein bisschen) sozialistischen oder jedenfalls „antikapitalistischen“ oder allermindestens „antiimperialistischen“ Kuba sei. Zur richtigen Beurteilung der Angelegenheit muss man den Klassencharakter der Widersprüche und der handelnden Akteure beurteilen. Was den US-Imperialismus betrifft, braucht hier kein weiteres Wort verloren werden. Aber wie ist die Lage in Kuba und wie wirkt der Konflikt mit dem US-Imperialismus auf diese Lage?

Kuba, einst ein hoffnungsträchtiger Vorposten der Revolution, hat nicht erst in jüngster Zeit Maßnahmen in Richtung Kapitalismus gesetzt, sondern beschritt bereits in der ersten Hälfte der 1960er Jahre den Weg des Revisionismus und der kapitalistischen Restauration: zuerst eines bürokratischen Staatskapitalismus, seit einigen Jahren zusätzlich den der Förderung eines ganz ordinären Privatkapitalismus. Die Weichen, ob Kapitalismus oder Sozialismus, wurden schon in der Zeit der sogenannten „Planungsdebatte“ 1961-63 [1] gestellt, in der der Widerspruch zwischen revisionistisch-kapitalistischem und revolutionärem sozialistischem Weg ausgetragen wurde. Guevara war damals der Hauptprotagonist des revolutionären Wegs [2], Castro selbst hielt sich damals offiziell aus den Kernpunkten der „Debatte“ mehr oder weniger heraus und ließ andere Vertreter des Revisionismus auftreten, alle Sorten von Revisionisten und Trotzkisten waren für den angesichts der Unterentwicklung Kubas einzig „realistischen“, den bourgeoisen Weg und hielten – ebenso wie Castro (der zugleich mit Phrasen über Kommunismus usw. nicht geizte) – die guevaristischen revolutionären „Phantasien“ und „Illusionen“ für absurd und arbeiteten eifrig dagegen. Der Linienkampf endete für die revolutionären Kräfte mit einer Niederlage. Schritt für Schritt wurden sie ausgebootet, einige sogar umgebracht, und es kam zur Machtergreifung durch den inzwischen voll herausgebildeten und mit dem alten verschmolzenen Revisionismus. Kuba verließ den sozialistischen Weg, bevor es ihn noch richtig betreten hatte, und beschritt den kapitalistischen Weg. Die nationaldemokratische Revolution, die 1959 gesiegt hatte, war an ihrem Scheideweg nicht vorwärts in Richtung Sozialismus, sondern in Richtung eines bürokratischen Staatskapitalismus marschiert.

Das fiel nicht vom karibischen Himmel. Inzwischen war Kuba – natürlich auch vor dem Hintergrund der ständigen US-Aggression gegen das Land – zu einem Vasallen des sowjetischen Sozialimperialismus geworden. Die sich rasch entwickelnde neue neokoloniale Abhängigkeit und die revisionistisch-kapitalistische Strömung in Partei und Staat trieben sich gegenseitig an. Statt Schritte in Richtung des Aufbaus sozialistischer Produktions- und Gesellschaftsverhältnisse, auch einer eigenständigen nationalen Industrie, basierend auf der Zurückdrängung kapitalistischer und kolonialer Elemente, gestützt auf die eigenen Volkskräfte, zu unternehmen, steuerte die kubanische Führung unter Castro ab 1964 eine Zuckermonokultur im Dienste des sowjetischen Sozialimperialismus an, vertagte die eigenständige Entwicklung auf den Sanktnimmerleinstag („um mindestens zehn Jahre“), verkaufte das Revolutionsziel der nationalen Souveränität, warf alle sozialistische Orientierung bezüglich der Revolutionierung der Produktionsverhältnisse über Bord (speziell in der „Arbeitsverfassung“ durch Forcierung „materieller Anreize“, Aufdifferenzierung der Löhne …), ordnete sich immer mehr der Sowjetunion unter und begann, mit den konterrevolutionären Revisionisten der „KP Kubas“ [3], fünfte Kolonne Chruschtschows, zu koalieren. Guevara geriet in immer schwereren Widerspruch und Konflikt mit Castro, sah schließlich 1964 in Kuba keine sinnvolle Rolle mehr für sich und betrachtete die kubanische Revolution als gescheitert oder wenigstens in einer ausweglosen Sackgasse. Er legte alle seine Funktionen zurück und ging 1965 verdeckt ins Ausland, zuerst nach Afrika (Kongo) und dann nach Bolivien, um vielleicht durch Durchbrüche an anderen Frontabschnitten der Weltrevolution auch der kubanischen Revolution einen neuen Schwung zu verleihen. 1967 wurde er in Bolivien – unter Mithilfe des kubanischen Regimes sowie des KGB und des DDR-Auslandsgeheimdienstes – aufgespürt und umgebracht [4].

Trotz faktischer Konterrevolution wurde die „revolutionäre“ Phrasendrescherei beibehalten und dadurch wurde Castro für den Sowjetrevisionismus ein besonders wertvoller, wenn auch dem Anschein nach manchmal etwas unbequemer nützlicher Idiot. Über viele Jahre noch wurde Revolutionären auf der ganzen Welt damit das Hirn vernebelt, während in der Tat die auf Expansion, Kriegsvorbereitung und Zugrunderichten revolutionärer Bewegungen gerichtete Politik des sowjetischen Imperialismus von Kuba tatkräftig unterstützt wurde. Castro war z.B., zwar vorgeblich mit Bauchweh, für die Invasion in der CSSR 1968, für den Afghanistanfeldzug, für die sozialimperialistischen Einmischungen in Afrika, wobei das kubanische Regime für letztere Massen an Soldaten [5] und sonstiges Menschenmaterial zur Verfügung stellte. (Dies erfolgte durchaus oft in Form „brüderlicher Hilfe“ für antikoloniale und antiimperialistische Befreiungsbewegungen, aber es war eben Hilfe von einem Imperialisten mit naturgemäß imperialistischen Ambitionen oder unter dem Oberkommando dieses Imperialisten, bloß gerichtet gegen einen oder mehrere rivalisierende Imperialisten, und im Inneren immer auch gerichtet auf das revisionistisch-kapitalistische „Modell“ statt auf die volksdemokratische und sozialistische Revolution, was regelmäßig zum Zugrunderichten und Verbürgerlichen der revolutionären Bewegungen führte und z.B. dazu, was in Angola, dem Schwerpunkt kubanischer Militäraktivität, heute ist: böse kapitalistische Verhältnisse, in denen sich der chinesische Imperialismus statt dem portugiesischen festgesetzt hat.)

Mit dem Sozialismus war es also 1964 in Kuba schon wieder zu Ende. Die Castroclique hatte nach kurzem Liebäugeln mit dem revolutionären Sozialismus den bourgeoisen Weg in revisionistischer Verkleidung eingeschlagen, einen Weg, der klassenmäßig betrachtet der Weg einer „nationalen Bourgeoisie“ ist, die es zwar in Kuba bis zur Revolution nicht gab, die sich aber als staatskapitalistisch-bürokratische Bourgeoisie nach der Revolution rasch herausbildete und in der Partei- und Staatsführung ihr Hauptquartier fand.

Dazu muss man bedenken, dass die kubanische Revolution, d.i. der Sturz des Batista-Regimes und die Machtergreifung durch die „Bewegung des 26.Juli“ (benannt nach dem wenn auch damals gescheiterten ersten Anlauf, dem historischen Angriff auf die Moncada-Kaserne am 26.Juli 1953) , keine proletarische Revolution und auch keine volks- oder neudemokratische Revolution unter Führung der Arbeiterklasse war, sondern eine nationaldemokratische Revolution diffusen, also noch unentschiedenen Klassencharakters. Die Revolution stand nicht unter proletarisch-revolutionärer Führung, es gab keine kommunistische Partie auf der Höhe ihrer Aufgaben, es gab überhaupt keine kommunistische Partie, keine Führung, die die schwierigen Fragen der Sicherung und Weiterführung der Revolution hätte in Angriff nehmen können. Der Revolutionarismus von der Art Castros reichte nicht aus, um die nationaldemokratische Revolution weiterzuführen zur sozialistischen und damit zur wirklichen sozialen Befreiung. Guevara erzählte später einmal, wie es dazu kam, dass er Wirtschaftsminister geworden war: in der Runde der revolutionären Kommandanten hätte Castro gefragt, wer „economista“ (Wirtschaftsfachmann) sei, er habe aber verstanden, wer comunista sei, und habe sich gemeldet. Vielleicht ist das eine Anekdote, aber wahr ist, dass die revolutionären Kommunisten unter den Revolutionären eine Minderheit waren, die im Laufe der Folgejahre rasch eliminiert wurde. Treppenwitz der Geschichte, dass die Eliminierung der wirklichen Kommunisten einherging mit der Mutation Castros und großer Teile der kubanischen Führung in „Kommunisten“ von der Art der Chruschtschow-Revisionisten. Aufgrund dieser historischen Schwächen und Probleme der kubanischen Revolution, vor allem mangels einer revolutionär-kommunistischen proletarischen Führung, konnte es geschehen, dass die Partei- und Staatsführung – unter den Bedingungen der massiven ökonomischen, politischen, militärischen Aggression des US-Imperialismus – den Lockrufen des Sowjetrevisionismus folgte und in Richtung Verrat an der Revolution und auf den kapitalistisch-revisionistischen Weg gezogen wurde.

Zwar hatte damit Kuba schon in der ersten Hälfte der 1960er Jahre den falschen Weg beschritten und landete in einem Staatskapitalismus revisionistischer Prägung, allerdings war es dem amerikanischen und europäischen Kapital weiterhin nicht zugänglich und für dieses daher weiterhin ein „kommunistischer“ Feind. Die westliche imperialistische Bourgeoisie zieht natürlich stets und überall alle Register, wenn es darum geht, ein Regime, das ihr den Zugang zur Kapitalverwertung und Ausbeutung versperrt, zu denunzieren und zu bekriegen – und bei Kuba war die Begründung halt – wie damals so oft – der „Kommunismus“. Das kubanische Regime wurde daher weiterhin energisch bekämpft (wenn auch in den letzten Jahren kaum mehr mit militärischen Überfällen (Landung von Invasionstruppen in der „Schweinebucht“ 1961!), Terroranschlägen und bewaffneter Sabotage). Jetzt aber, seit das Regime das durch den Staatskapitalismus verrottete und heruntergefahrene Land für Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung geöffnet hat und angesichts des eigenen Bankrotts um imperialistisches Auslandskapital buhlt, wäre die Fortführung der Boykottpolitik ein Schuss ins eigene Knie und man würde sich lukrativer Profitchancen begeben. Daher musste früher oder später der Zeitpunkt der „Normalisierung“ gekommen sein. Das, was als „Sensation“ und „Durchbruch“ gefeiert wird, ist nur der Schlussstrich unter diese Entwicklung und sozusagen die US-amtliche Bescheinigung, dass die Entwicklung des Kapitalismus in Kuba einen Punkt erreicht hat, wo es tendenziell keine nennenswerten Hemmnisse mehr gibt für die imperialistische Kapitalverwertung und die volle Wiedereingliederung Kubas in den „Weltmarkt“ und in die Netze neokolonialer Abhängigkeit [6]. Und es ist auch die US-Interessensbekundung, sich Kuba endlich wieder selbst schnappen und imperialistische Rivalen hintanhalten zu wollen; keinesfalls möchte man womöglich aufgrund einer kontraproduktiv gewordenen Boykottpolitik das Nachsehen haben, wenn sich andere Imperialisten Teile der kubanischen Wirtschaft unter den Nagel reißen. Kuba unterhält nämlich heute Wirtschaftsbeziehungen hauptsächlich mit Venezuela, Russland und China [7].

Dass dieser „Kurswechsel“ von den westlichen Imperialisten (von den russischen und chinesischen selbstverständlich nicht!) als „neu aufgeschlagene Seite in den Beziehungen“ gefeiert wird ist kein Wunder. Für das kubanische Volk und die kubanische Arbeiterklasse bedeutet es, „vom Regen in die Traufe“ zu kommen, wobei freilich die Traufe, eine noch rasantere Verschlechterung der Lebensverhältnisse, sowieso unvermeidlich gekommen wäre, wenn auch vielleicht in anderen Formen. Nicht einmal nationale Unabhängigkeit ist unter einem bourgeoisen Regime (wie auch die kubanische Regierung eines ist) vorstellbar, die kubanische Staatsbourgeoisie wird ruckzuck zu einer gewöhnlichen Kompradorenbourgeoisie werden. Sogar in Venezuela, das ganz andere wirtschaftliche Voraussetzungen besitzt, hat sich unter Chavez an der neokolonialen Abhängigkeit vom Imperialismus nichts geändert und die Reformen und Verbesserungen in einigen Sozialbereichen werden schon wieder zurückgedreht. In Kuba, dessen ökonomische Ressourcen wesentlich bescheidener sind, ist selbst so etwas nicht möglich. So sehr man die US-Sanktionen und alle imperialistische Boykottpolitik gegen Kuba aus prinzipiellen Gründen bekämpfen musste und muss, so wenig darf man sich Illusionen machen, dass deren Wegfall unter den heutigen Umständen etwas an der Lage der kubanischen Arbeiterklasse und des Volkes verbessern oder dass dadurch etwa die Position des US-Imperialismus geschwächt würde. Auf der subjektiven Seite fiele immerhin eine wichtige Ausrede der kubanischen Regierung zur Rechtfertigung des Herunterwirtschaftens des Landes weg, was der Entfaltung des Klassenkampfes nur helfen kann.

Zur nationalen und sozialen Befreiung braucht es auch in Kuba eine neue Revolution – und mit Blickrichtung auf eine solche neuerliche und diesmal wirklich sozialistische Revolution in Kuba sowie auf die weltweite revolutionäre Perspektive, kann es nur gut sein, wenn in einem ohnedies schon längst kapitalistischen System der noch vorhandene „sozialistische“ Schutt weggeräumt wird und sich die Menschen nicht länger mit nostalgisch verklebten Augen ein X für ein U vormachen, sondern die tatsächlichen Widersprüche, tatsächlichen Freund und Feind, die tatsächlichen Aufgaben und Perspektiven der nationalen und sozialen Befreiung besser erkennen können.

Ernesto Che Guevara

Guevara war ein bedeutender Revolutionär und der revolutionären Sache konsequent ergeben. In Kuba war er nach der Machtergreifung der wichtigste Repräsentant des revolutionären und Gegner des revisionistisch-kapitalistischen Wegs. Er stemmte sich auch gegen eine neuerliche Neokolonisierung Kubas, diesmal durch die Sowjetunion (und hatte z.B. 1960 als klare Geste – mit großer diplomatischer „Verstimmung“ als Konsequenz! – seinem Protest gegen den Chruschtschow-Revisionismus durch eine Kranzniederlegung am Sarg Stalins Ausdruck verliehen). Aber Guevara machte auch Fehler. Sein Hauptfehler bestand zunächst darin, die militärische Seite der Revolution – wir reden über die vorrevolutionäre Zeit, nicht über den Aufbau der neuen Gesellschaft – zu über- und die ideologisch-politische zu unterschätzen. Dementsprechend unterschätzte er erstens die elementare Wichtigkeit des umfassenden Kampfes gegen den Revisionismus. Bezüglich des Kampfes um die „Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung“ um 1963 herum, also des Kampfes gegen den Chruschtschow-Revisionismus, verbarg er zwar nicht seine Abneigung gegenüber diesem und seine Sympathie für China, vertrat aber dennoch auch die Meinung, man solle diesen Kampf öffentlich nicht zu sehr zuspitzen, dies nütze nur dem US-Imperialismus, stattdessen solle man die praktische Revolution, sprich den Guerillakrieg vorantreiben. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, die internationale Rolle der Sowjetunion bezüglich vieler revolutionärer Bewegungen und Revolutionen in dieser Zeit des „Trikont“ im Aufruhr zu kritisieren. Zweitens überschätzte er die rein militärische Seite der Revolution. Während Mao das Prinzip „Die Politik kommandiert die Gewehre“ propagierte, vertrat Guevara de facto die Linie, dass die Gewehre alles seien. Man braucht bloß die militärischen Schriften Lenins oder Maos mit den militärischen Schriften Guevaras (z.B. das „Bolivianische Tagebuch“) zu vergleichen. Dies schwächt unweigerlich den Widerstand gegen den Revisionismus. Dann machte er auch noch in militärischer Hinsicht den Fehler, die militärischen Erfahrungen der kubanischen Revolution, einer Machtergreifung unter spezifischen Bedingungen, zu verallgemeinern und überallhin „übertragen“ zu wollen. Das strategische Konzept der „revolutionären Kerne“, die sich mehr oder weniger spontan wie Schneebälle ausbreiten sollten, scheiterte. Dessen ungeachtet war Guevara ein Revolutionär, was man von erheblichen Teilen der kubanischen Führung nicht sagen kann, obwohl diese sich später im Fahrwasser des Sowjetrevisionismus ein marxistisches Vokabular, aber eben nur ein Vokabular, zu Eigen machte. Das gilt für den Linienkampf in Kuba und es gilt auch international: Während Guevara versuchte, die Revolution in Afrika voranzubringen, schickte Castro wenige Jahre später – natürlich unter „revolutionärem“ Vorwand – Tausende kubanische Soldaten und sonstiges Personal zur Unterstützung der Ambitionen des sowjetischen Sozialimperialismus zur Deroutierung der afrikanischen Revolutionen, speziell der in Angola. Natürlich wird Guevara heute nach wie vor in Kuba als Held der Revolution gefeiert, aber das ist nur zur Verdeckung des historischen Linienkampfes, der seinerzeit tobte, und hat ungefähr dieselbe Relevanz wie die vielen Menschen, die heutzutage mit Guevara-T-Shirts herumlaufen, entweder ohne überhaupt zu wissen, wer das war, oder mit obskuren Anschauungen darüber, was das zum Ausdruck bringen soll.

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 FUSSNOTEN:

[1] Für näheres Interesse: „Wertgesetz, Planung und Bewusstsein. Die Planungsdebatte in Kuba“, Verlag Neue Kritik, Frankfurt 1969 mit Beiträgen von Castro, Guevara, Mora, Bettelheim, Mandel sowie mehrere Schriften Guevaras zur Ökonomie in „Ernesto Che Guevara: Ökonomie und neues Bewusstsein“, Rotbuch 8, Wagenbach, Berlin 1969.

[2] Camillo Cienfugos war schon 1959 nach Konflikten mit den Castro-Brüdern und nachdem man ihn als Generalstabschef in seinen Funktionen beschränkt, indem man ihm Raoul Castro vor die Nase gesetzt hatte, durch einen „Flugzeugabsturz“ aus dem Weg geräumt worden. Sein Flugzeug wurde offenbar durch ein Jagdflugzeug der kubanischen Luftwaffe über dem Meer abgeschossen und anschließend wurden alle Zeugen und Spuren dieses Komplottes durch eine Reihe weiterer Morde beseitigt bzw. vertuscht.

[3] Die sogenannte „Kommunistische Partei Kubas“ hatte sich am Guerillakrieg und der Revolution nicht nur nicht beteiligt, sondern war gegen diese aufgetreten und hatte die Revolutionäre bekriegt. Sie war eine offen konterrevolutionäre Kraft und fünfte Kolonne des sowjetischen Sozialimperialismus. Sie wurde dementsprechend auch nach der Revolution ausgeschaltet, kam aber ab 1964 durch Castros Orientierung an der Sowjetunion zu neuen Ehren.

[4] Dies ist keine Vermutung oder „Verschwörungstheorie“, sondern war seit den späten 1960er und 1970er Jahren die einhellige Einschätzung der südamerikanischen Marxisten-Leninisten und wurde von der bolivianischen, aber z.B. auch der uruguayischen Partei mit Fakten bzw. Indizien belegt. Guevara konnte vom bolivianischen Militär nur aufgespürt werden, weil jemand die Spur zu ihm legte. (Eine verhängnisvolle, wenn auch wahrscheinlich eher traurige als absichtlich böse Rolle spielte in dieser Sache die berühmte „Genossin Tanja“, Tamara Bunke, Deutsch-Argentinierin, trotz revolutionärer Gesinnung zugleich SED-Mitglied und Agentin des KGB und des DDR-Auslandsgeheimdienstes, dann auch des kubanischen Geheimdienstes, Dolmetscherin für Guevara 1960 in der DDR, ging auf ihren Wunsch und Beschluss der SED nach Kuba, war dann in Absprache mit Guevara zur Unterstützung der Guerilla tätig, und zwar sollte sie die Verbindung der bolivianischen mit der argentinischen Guerilla stärken und Nachschub nach Bolivien organisieren, reiste aber schließlich befehlswidrig nach Bolivien und schloss sich unabgesprochen der Guerilla an, wobei die damit verbundenen schweren Disziplinverletzungen und Unvorsichtigkeiten zu ihrer Enttarnung führten und das Aufspüren Guevaras erleichterten, wenn nicht erst ermöglichten, kam bei damit zusammenhängenden Gefechten selbst ums Leben. Guevara schrieb, bevor noch Schlimmeres folgte, in sein Bolivianisches Tagebuch, das Fehlverhalten der Gen.Tania hätte die Guerilla in Bolivien um zwei volle Jahre des schwierigen Aufbaus zurückgeworfen.)

[5] Insgesamt (insgesamt, nicht gleichzeitig!) kämpften 381.482 (dreihunderteinundachtzigtausend!) kubanische Soldaten in Afrika, davon über 50.000 in Angola, wobei 2.077 fielen. Am 25. bis Mai 1991 wurden die letzten abgezogen. (Angaben aus Afrique Asie, Dezember 2014, im Zusammenhang eines Interviews mit Hector Igarza, kubanischer Botschafter in Paris, vorher lange Jahre in Afrika)

[6] Keinesfalls handelt es sich aber darum, dass in Kuba etwa erst jetzt (seit den Liberalisierungs- und Privatisierungsmaßnahmen) der Kapitalismus restauriert würde und bis vor kurzem Sozialismus geherrscht hätte, was die meisten Revisionisten und Trotzkisten propagieren. Es ist immer der alte Seich: Solange ein Regime sich selbst „sozialistisch“ nennt und zumindest in gewissem Umfang formelles Staatseigentum und irgendeine bürokratische Planung bestehen und wenn es dann noch dazu gegen die USA auftritt oder auch nur gegen sie poltert oder sogar nur mault, glauben manche Leute halt wider alle offensichtliche Realität von Ausbeutung und Unterdrückung, es handle sich um „Sozialismus“. Wirft ein bezeichnendes Licht darauf, was diese Leute sich unter Sozialismus vorstellen.

[7] Venezuela liefert Öl und kriegt dafür im Austausch medizinisches Personal und Dienstleistungen. Russland hat Kuba unlängst 90% der Schulden aus der UdSSR-Zeit nachgelassen und versprochen, den Gegenwert der restlichen 10% in Kuba zu investieren. Mit China gibt es enge Handelsbeziehungen und China gibt Kuba Kredite. Kuba sucht vor allem Auslandskapital, sei es in Form von Direktinvestitionen, sei es in Form von Krediten, um seine über weite Strecken marode Wirtschaft (was natürlich auch – auch wohlgemerkt, nicht nur! – mit der US-Blockade zu tun hat) zu modernisieren. Ein neues Gesetz betreffend ausländische Investitionen zielt auf einen Zustrom an Auslandskapital in Höhe von 2,5 Mrd. $; alle Sektoren einschließlich der Zuckerindustrie wurden dafür „geöffnet“, außer – bis jetzt! – Bildungs- und Gesundheitswesen, Rüstung und (das formelle juristische Volleigentum an) Grund und Boden. (Quelle: Interview mit Hectro Igarza, Botschafter Kubas in Paris, Afrique Asie, Dezember 2014)

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