Krise? Aufschwung? – Zur Aussagekraft des Welt-BIP für die Beurteilung der Frage, ob das kapitalistische Wirtschaftssystems die Krise überwunden hat oder nicht

Die vorletzte Wirtschafts- und Finanzkrise war 2000-2002. Es folgte ein neuer Aufschwung samt einer fulminanten „Überhitzung“ und einer neuerlichen enormen Spekulationsblase (diesmal ausgehend vom US-Immobiliensektor) und prompt folgte 2008/2009 der nächste Krach. Auf diesen Krach allerdings folgte – anders als beim letzten Mal – kein neuer Aufschwung. Es gab zwar 2010 und 2011 ein kurzes Aufflackern an „Erholung“, aber das brach rasch wieder zusammen. Es folgte im Gegenteil eine lange Periode der Stagnation, immer wieder „Hoffnungsschimmer“ und irgendwelche Prognosen, aber kaum noch ein nennenswertes Wachstum. Grund dafür war (und ist bis heute), dass mit allen staatlichen und Zentralbankmitteln daran gearbeitet wurde, die Krisenwirkungen zu dämpfen, zu beschränken, zu kompensieren. So kam es nicht zu der eigentlich „notwendigen“ Kapitalvernichtung und so dümpelt die Wirtschaft der entwickelten kapitalistischen Länder seit fast einem Jahrzehnt dahin.

Das hindert manche nicht, dennoch davon zu reden, „die Krise (sei) überwunden“ (sie meinen die von 2008/2009). Zu diesen zählt klarerweise insbesondere die Bourgeoisie selbst, die allen Grund dazu hat, die Lage schönzureden und auch sich selbst Mut zu machen, dazu zählen aber auch verschiedene linke und sogar kommunistische Kreise. Für die MLPD z.B. war die Krise 2013/14 überwunden – freilich nur kurz, denn das Strohfeuer von 2010/11 war schnell wieder erloschen. Wenn es sich damals wirklich nur um eine temporäre Krise gehandelt hätte und sie heute längst überwunden wäre, würde man freilich heute nicht mehr so viel darüber reden. Tatsache ist, dass von einer Überwindung der Krise nur dann die Rede sein könnte, wenn auf den Krach 2008/09 irgendwann ein neuer Aufschwung gefolgt wäre.

Es steht für uns außer Frage, dass die Krise nicht überwunden ist, sondern dass sie – in den westlichen imperialistischen Ländern – lediglich statt der Form des akuten Krachs die Form der schleichenden, latenten Krise angenommen hat. Zudem gibt es keinerlei „Lichtblick“ eines neuen Aufschwungs. Zwar gibt es jedes Jahr neue optimistische Prognosen, die aber tatsächlich nie eintreten 1, und es verschärfen sich sogar zusehends die Faktoren für einen regelrechten neuen Krach. Überakkumulation, potentielle und wirkliche Überproduktion, wilde Spekulation wirken ungehemmt weiter. Außerdem sehen wir seit 2014 heftige neue Kriseneinbrüche z.B. in Russland, Brasilien und Südafrika. Sieht so eine „Überwindung der Krise“ aus?

Es geht hier nicht um Wortklauberei. Wäre nämlich die Krise tatsächlich überwunden, der Horizont der Kapitalverwertung tatsächlich aufgehellt, der Druck auf die Profitrate tatsächlich kurzfristig wieder abgemildert, dann hätte die Bourgeoisie mehr ökonomischen Spielraum und wäre sie nicht in gleicher Weise unter akutem Zugzwang, die Ausbeutung zu verschärfen, ihren neokolonialen Kurs zu verschärfen, sich auf kriegerische Auseinandersetzungen mit den Konkurrenten und Rivalen vorzubereiten. Ist die Krise aber nicht überwunden, sondern krebst sie sozusagen als Dauerstagnation dahin, und das noch dazu unter dem Damoklesschwert eines baldigen neuerlichen schweren Einbruchs, dann hat sie diesen Spielraum eben nicht und dann sieht ihre Reaktion so aus, wie wir es eben heute erleben. Daher ist es eine eminent politische Frage für Lagebeurteilung und Taktik, von der Lage im gewerkschaftlichen Kampf bis zur Frage des Polizeistaates und der Gefahr des Faschismus.

Deshalb müssen wir uns mit Meinungen im eigenen Lager auseinandersetzen, die die Propaganda von der Überwindung der Krise glauben. Eine Argumentation von dieser Seite zielt auf das Welt-BIP als Ganzes: Auch wenn die Wirtschaft in weiten Teilen der Welt, vor allem in den westlichen imperialistischen Ländern, stagniert und auch wenn es einmal dort und einmal da kracht – wenn bzw. solange das Welt-BIP als Ganzes noch wächst, sei alles fein und könne die Krise von 2008/09 als überwunden gelten. Das Welt-BIP als Ganzes sank nach den offiziellen Statistiken tatsächlich nur einmal, im Jahr 2009, und wuchs in den folgenden Jahren wieder. Demnach hätte es dieser Auffassung nach zwar 2009 eine kleine und kurze Krise gegeben, eine Delle im Lack eigentlich nur, einen Ausrutscher, aber seit 2010 sei wieder alles Paletti. Die Bourgeoisie selbst ist nicht so optimistisch. Denn natürlich schaut sie besorgt auf die Stagnation ihrer Kapitalverwertung, aus der sie nicht und nicht herauskommt, auf den dramatischen Rückgang, teilweise das fast vollständige Erlahmen ihrer Investitionstätigkeit, auf die Entwicklung seit 2014 in wichtigen Ländern wie Russland, Brasilien oder Südafrika, auf die Verlangsamung des Wachstums und die Spekulationsblasen in China. Außerdem weiß natürlich auch jeder, dass das ganze Welt-BIP ganz anders ausgesehen hätte und aussähe ohne das fulminante Wachstum einiger „emerging markets“, insbesondere Chinas. Dazu fällt einem das Bonmot ein, dass es einem, wenn man mit einem Fuß auf der Herdplatte steht und mit dem anderen in der Tiefkühltruhe, im Durchschnitt relativ gut ginge.

Die Krise sei also überwunden, weil bzw. seit dieses Welt-BIP wieder wächst, also seit 2010. Diese Argumentation ist schon einmal deshalb fragwürdig, weil das BIP an und für sich, auch schon für jedes einzelne Land oder jeden einzelnen Währungsraum, eine zwielichtige Größe ist. Als erster Ansatz zur groben Einschätzung durchaus geeignet, bildet es die Entwicklung der Wirtschaft nur erstens schlecht und zweitens sehr abstrakt ab, vor allem umfasst es nicht nur Wachstum wirklichen Kapitals, sondern auch Wachstum fiktiven Kapitals 2, also „Wachstum“ an heißer Luft. Gliedert man das BIP auf einzelne Wirtschaftssektoren auf 3, sieht man, dass 2015 die gesamte Sachgüterproduktion (Bergbau, Industrie, Infrastruktur und Versorgung, Bauwirtschaft) plus Transport zusammen nur 36,9%, Land- und Forstwirtschaft, Jagd und Fischfang zusammen nur 4,4%, also der eigentliche Kernbereich der produktiven Wirtschaft alles zusammen genommen nur 41,3% des BIP ausmacht, während der Handel es auf 14,2% bringt und das „Sonstige“ (d.i. der Finanz- und Versicherungssektor, das Immobilienwesen, die Staatsverwaltung, Militär und Polizei, auch das Gesundheits- und Erziehungswesen, alles weitgehend unproduktive, weil nicht auf Mehrwert- und manchmal nicht einmal auf Profitmaximierung gerichtete Bereiche) auf 44,5% des Welt-BIP. Was für ein Wachstum von was bringt also das BIP-Wachstum zum Ausdruck? Wenn man die Wirtschaftslage und die Frage der Krise untersucht, muss man mehr auf die sog. Realwirtschaft schauen, also auf Indikatoren wie die industrielle Wertschöpfung, Brutto- und Nettoanlageinvestitionen, Kapazitätsauslastung, Arbeitsstundenvolumen etc. und soweit möglich auch auf die Entwicklung der Profitrate, nicht aber so sehr auf das BIP, die brutal gezinkte Arbeitslosenrate oder einen „Geschäftsklimaindex“ über die optimistische oder pessimistische Bourgeoismentalität.

Aber bleiben wir zunächst beim BIP, so wie es halt errechnet wird, und schauen wir uns das Welt-BIP an. O Schreck! Ein Blick in die Statistik zeigt, dass es nach drei „krisenfreien“ Jahren 2015 4 einen brutalen Einbruch des Welt-BIP gab: um 4.435 Mrd.$ oder -5,64%.

UN/National Accounts/ World Total

2015 2014 2013
BIP (nominal, in Mrd.$) 74.177 78.612 76.831
BIP pro Kopf (in $) 10.095 10.822 10.700

Value Added Total Economy (Mrd.$)

70.624 74.697 73.003
Mining, Manufacturing, Utilities 16.002 17.628 17.500
Transport 6.001 6.288 6.150
Construction 4.055 4.300 4.146
Agriculture … 3.142 3.316 3.266

Was war da los? Immerhin gab es 2015 immer noch ein zwar mickriges, aber doch BIP-Wachstum wie in den Jahren zuvor, wuchsen China oder Indien noch stark usw. Zwar krachte es in Schwergewichten wie Russland, Brasilien, auch Südafrika ordentlich 5, aber doch schlug ihr Kriseneinbruch, alle drei zusammen genommen, „nur“ mit 1.386 Mrd. $ (31% des Gesamteinbruchs des Welt-BIP) zu Buche. Woher also ein solcher Einbruch? Wie auch immer, wenn das so war, und es war ja laut der Statistik des Welt-BIP so, dann war 2015 schon wieder volle Pulle an Krise. Und zwar schlimmer als 2009, denn damals war das Welt-BIP „nur“ um 3.308 Mrd. $ gesunken, 2015 aber um 4.435 Mrd. $.

Trotzdem fragt man sich, was da eigentlich 2015 war bzw. warum ein derartiger Einbruch nicht die Aufmerksamkeit gefunden hat, die ihm eigentlich zukommen müsste. Das Rätsel löst sich ganz einfach und wie folgt: Das Welt-BIP wird in Dollar gerechnet, d.h. alle nationalen BIPs werden in Dollar umgerechnet, und zwar zu den durchschnittlichen Wechselkursen des betreffenden Jahres. 2015 nun lag z.B. der Euro gegenüber dem Dollar im Jahresdurchschnitt um 16,4% und der Renminbi um 1,3% unter seinem durchschnittlichen Vorjahreskurs aus 2014. Das alleine bewirkt schon einen rechnerischen BIP-„Verfall“ von 3.107 Mrd. $ für Europa und von 145 Mrd. $ für China und macht alleine schon ein rechnerisches „Sinken“ des Welt-BIP um 3.252 Mrd.$. aus und erklärt damit bereits 73% des gesamten BIP-Minus von 2015 (4.435 Mrd.$). Dazu kommen weitere Länder bzw. Währungen, die ebenfalls abgewertet haben, z.B. UK (um 7,7 %), Japan (um 14,4%), Indien (um 4,9%) fast ganz Südamerika, die Türkei usw. Der BIP-Verfall entpuppt sich also banal als rechnerisches Ergebnis von Wechselkursschwankungen. Mit anderen Worten: Ein Welt-BIP über verschiedene Währungsräume hinweg ist – für unsere Fragestellung von Krise oder deren Überwindung (nicht für lange historische Zeiträume) – ein abstraktes Konstrukt und so hohl und sinnlos wie z.B. eine Weltdurchschnittstemperatur, ein Weltdurchschnittsstromverbrauch oder ein Weltdurchschnittsbierkonsum.

Halt, wird jetzt möglicherweise als Einwand kommen, es gibt ja nicht nur das bisher betrachtete nominale Welt-BIP („at current prices“), sondern auch das „reale“ („at constant 2005 prices“, also inflationsbereinigt) und dieses sank 2015 nicht. Tatsächlich war das reale BIP zwar 2009 genau wie das nominale geschrumpft (wenn auch viel weniger, nämlich nur um 1.070 Mrd. $ oder 2,73%), seither aber nicht mehr, auch nicht 2015. Es stieg 2015 sogar um 1.532 Mrd. $. Wie das? Überlegen wir kurz: Wenn das nominale BIP 2015 um 4.435 Mrd. $ sank, aber das reale um 1.532 Mrd. $ stieg, hieße das doch, würde man auf Anhieb meinen, dass die nominalen Preise stark gefallen sein müssten, wir also weltweit eine enorme negative Inflation, also eine enorme Deflation gehabt haben müssten. Hatten wir das? Nein, wir hatten das 2015 nicht, nicht einmal in Japan, wo das in den vergangenen Jahren geradezu chronisch war, ganz im Gegenteil. Wie kommt es dann zu diesem kuriosen Widerspruch? Die Lösung des Rätsels liegt in den verborgenen Tiefen der bürgerlichen Statistik. Wie ermittelt sich nämlich das „reale“ BIP (ab hier wird es leider ein bisschen „technisch“)? Statistisch erhoben werden kann ja zunächst einmal nur das nominale BIP, zu wirklichen Marktpreisen, denn nur dieses existiert an der Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaft. Alles Weitere resultiert aus mehr oder weniger plausiblen und mehr oder weniger interessengesteuerten Rechenvorgängen. Das reale BIP wird daher aus dem nominalen BIP heraus berechnet – unter Annahme gesamtwirtschaftlicher Inflationsraten, der sog. BIP-Deflatoren („implicit price deflators“). Entsprechen diese der Realität? Der durchschnittliche BIP-Deflator für Österreich für den Zeitraum 2005 – 2015 liegt bei 0,68% pro Jahr, der für Deutschland bei 0,12% und der für die Welt bei 2,1%. Wie wenn es in den imperialistischen Ländern praktisch gar keine und auch sonst weltweit nur eine sehr geringe Inflation gegeben hätte! Wie immer sie auf diese Zahlen kommen mögen – es ist Verfälschung Nr.1. Zweitens findet man unter dem „technischen“ link „Conversions and Formulas“ den Hinweis, dass zwar beim nominalen BIP für jedes Jahr die Wechselkurse des betreffenden Jahres verwendet werden, beim „realen“ hingegen durchgängig die aus 2005. Das ist für einen „realen“ Wert durchaus verständlich, heißt aber auf der anderen Seite, dass im Fall einer weltweit überwiegenden Abwertung der nationalen Währungen gegenüber dem Dollar, was für die meisten Währungen in diesem Zeitraum so war 6, das BIP zu constant prices um die Abwertungsdifferenzen gegenüber 2005 aufgeblasen wird 7. Das ist – bei stark schwankenden Wechselkursen – Verfälschung Nr.2. Aus diesen beiden Gründen ist dieses „reale“ Welt-BIP-Wachstum gar keine reale, sondern eine windige, ja ausgesprochen irreführende Angelegenheit. Das Konstrukt des realen BIP hilft uns also auch nicht weiter, ganz im Gegenteil. Es bleibt also dabei: Ein Welt-BIP über verschiedene Währungsräume hinweg, ob nominal oder real, ist ohne Relevanz für unsere Fragestellung.

Wenn aber mit dem abstrakten Welt-BIP die Frage nach der Krise oder ihrer Überwindung nicht beantwortet werden kann, müssen wir halt doch, auch wenn es mühsamer ist als bloß auf das Welt-BIP zu verweisen, die Frage, ob Krise oder nicht, für jeden Wirtschaftsraum konkret analysieren. Was Europa oder die EU betrifft, gehen wir jedenfalls davon aus, dass die Krise auch fast zehn Jahre nach dem Krach 2008/09 nicht überwunden ist, sondern weiter anhält, wenn auch nicht in der Form einer akuten Zuspitzung wie 2008/09, sondern in der Form eines Nicht-wirklich-aus-der-Krise-Herauskommens, einer anhaltenden latenten Krise samt einer potentiellen neuerlichen Katastrophe. Wir meinen, dass gerade das die ökonomisch kritische Situation für die Bourgeoisie ausmacht. Die Einschätzung, das Kapital hätte seine Krise im Weltmaßstab überwunden, halten wir dagegen für eine haltlose Behauptung. Bleibt die Frage: Warum, außer wenn man – wie die Bourgeoisie – bourgeoise Propaganda gegenüber Arbeiterklasse und Volk betreiben möchte oder einer solchen bourgeoisen Propaganda aufsitzt, kommt man auf so etwas? Möchte man damit die zugegeben ungünstige Klassenkampflage in Österreich oder (ebenfalls, wenn auch nicht ganz so schlecht) in Deutschland erklären 8? Das Problem ist nur, dass man damit die Augen vor der Entwicklung der Lage verschließt und die unvermeidliche weitere und verschärfte Zuspitzung der Schwierigkeiten der Kapitalverwertung und damit die unweigerliche Verschärfung des arbeiter- und volksfeindlichen Kurses der Bourgeoisie unterschätzen und daher keine richtige bzw. nur eine voluntaristische Lagebeurteilung und Taktik entwickeln können wird. Das ist zwar für jemanden wie z.B. die MLPD belanglos, eine Partei, die seit einem halben Jahrhundert (seit den 1960er Jahren) glaubt, kurz vor oder am Übergang zu oder sogar am Beginn der „Arbeiteroffensive“ zu stehen, für die daher so etwas wie revolutionäre Taktik gar nicht existiert bzw. für die Taktik nur im Grad an Opportunismus und Legalismus besteht. Für eine kommunistische Organisation aber ist es nicht belanglos.

Quelle der Zahlen: UN Statistics Division/Data/National Accounts Main Aggregates/Data Selection/Basic Data Selection (und zwar folgende „series“: GDP, at current prices – US Dollars; GDP, at constant 2005 prices – US Dollars; GDP per capita – US Dollars; GDP, Implicit Deflators – US Dollars; Value Added by Economic Activity, at current prices – US Dollars und Value Added by Economic Activity, at constant 2005 prices)

1 Wir hatten uns vor ein paar Jahren die Mühe gemacht, alle jährlichen Herbstprognosen der OECD für das jeweilige Folgejahr für alle OECD-Länder für den gesamten Zeitraum 2007 bis 2012 nachträglich mit dem tatsächlichen BIP-Wachstum zu vergleichen: die OECD-Prognose lag systematisch um durchschnittlich 1,5% zu hoch (ungewichteter Mittelwert).

2

Bevor jetzt womöglich jemand eine Diskussion über die Berechtigung der Unterscheidung zwischen wirklichem und fiktivem Kapital vom Zaun bricht, sei ihm die Lektüre der Kapitel 29 bis 32 aus dem Dritten Band des Marx’schen „Kapital“ anempfohlen.

3

Genau genommen findet man eine differenzierte Aufgliederung nach Wirtschaftssektoren nicht in der eigentlichen BIP-Statistik (Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung), sondern in einem anderen Teil der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, der „Bruttowertschöpfung“, d.i. das BIP abzüglich der Steuern auf Waren und Dienstleistungen und einiger kleinerer Posten und zuzüglich der auf Waren und Dienstleistungen bezogenen Subventionen. Für unsere Zwecke gehen BIP und BWS für dasselbe.

4

2015 ist das jüngste Jahr, das die Statistik einigermaßen verlässlich abbildet, Werte für 2016 sind bisher allenfalls lückenhafte und vorläufige.

5

Russland: – 34,7% oder 705 Mrd. $, Brasilien: – 26,6% oder 644 Mrd. $, Südafrika: – 10,4% oder 37 Mrd. $; dagegen China: + 5,8% oder 633 Mrd. $ und Indien: +3,4% oder 70 Mrd. $. Wobei auch nicht vergessen werden darf, dass das alles in Dollar umgerechnete Werte sind. Wenn – und das ist in der Regel so während der Krise – der Kurs der Währung gegenüber dem Dollar fällt, fällt das BIP automatisch mit. Ein großer Teil dieser Einbrüche hat daher einfach mit dem Dollarkurs zu tun. Womit wir bei der Problematik von BIP-Aggregaten über verschiedene Währungsräume sind. (In nationaler Währung ausgedrückt, sind in diesen Ländern die jeweiligen BIPs zu laufenden Preisen nicht einmal gefallen, sondern sogar noch ein wenig gestiegen, rechnet man aber die gewaltigen Inflationsraten heraus (sogar die notorisch zu niedrigen BIP-Deflatoren lagen in Russland 2015 bei 21%, in Brasilien bei 15% und in Südafrika bei 7%!) und ermittelt so ein reales BIP in nationaler Währung, sehr wohl.)

6

Abwertungen gegenüber dem USD im Zeitraum 2005 (Basis des Index BIP real) bis 2015: EUR: -11,5%, JPY: -8,3%, GBP: -20,4%, die indische INR: -41,6%, nur der chinesische CNY stieg um +25,1%.

7

Um das mit einem Rechenexempel zu veranschaulichen: 2005 (Startpunkt des Index des realen BIP) sei das nominale BIP in nationaler Währung bei 100 gelegen – und das reale ebenfalls, da es ja aus dem nominalen errechnet wird, indem man die Preissteigerungen herausrechnet, und dafür als Indexbasis eben 2005 angesetzt hat. Bis 2015 sei nun das nominale BIP auf 140, das reale (d.h. nach Abzug der Inflationierung in Gestalt des BIP-Deflators in Höhe von 10 Prozentpunkten) auf 130 gestiegen. Ferner hätte man für einen USD im Basisjahr 2005 1,00 nationale Währungseinheiten bekommen, 2015 dagegen 1,20, d.h. die nationale Währung hätte gegenüber dem USD um 20% abgewertet. Für die Umrechnung in USD werden nun von IWF, Weltbank etc. beim nominalen BIP die jahresdurchschnittlichen Dollarkurse der betroffenen Jahre genommen (also beim Vergleich von 2005 mit 2015 1,00 und 1,20), beim realen BIP dagegen durchgehend immer der des Basisjahres (also 1,00). In USD umgerechnet stieg daher das nominale BIP von 2005 bis 2015 von 100 auf 116,66 (140/(1,20/1,00)), das reale dagegen auf 130 (130/1,00). Obwohl in unserem Beispiel das nominale BIP – in nationaler Währung gerechnet – stärker steigt als das reale, ist es – in Dollar gerechnet – umgekehrt. Weil in diesem Beispiel die Währungsentwicklung (20%) den BIP-Deflator (10 Prozentpunkte) überwiegt, führt dies dazu, dass das in Dollar ausgedrückte „reale“ BIP stärker steigt als das nominale. Mit ein bisschen Arithmetik kann man sich ausrechnen, dass – unter sonst unveränderten Bedingungen – der USD-Kurs, bei dem beide BIPs gleich stark wachsen, 1,078 wäre. Das zeigt die Problematik des Aggregats „reales Welt-BIP“ und überhaupt die von Vergleichen des in Dollar umgerechneten realen BIP über verschiedene Währungsräume hinweg.

8

Falls hier jemand an die Frage der Extraprofite zur Bestechung von Arbeiteraristokratie und Teilen der Klasse denkt: keine Sorge, es sind auch in der Krise, wie sie sich per heute darstellt, noch ausreichend neokoloniale und monopolistische Extraprofite verfügbar.

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