Österreichischer Kapitalexport in Form von Direktinvestitionen 2007 bis 2016

 

Nicht nur über die Konjunkturlage, auch über den Kapitalexport in Form von Direktinvestitionen sind allerhand Zahlen und Gerüchte im Umlauf. Da dieser Kapitalexport eine wichtige Stütze der österreichischen Konjunktur und im Speziellen der Profitrate des österreichischen Kapitals ist und über die Konjunkturlage viel geschwatzt wird, schadet es nicht, einen Blick darauf zu werfen. Statistische Zahlen für 2017 gibt es klarerweise noch nicht, es werden auch keine unterjährigen Zahlen publiziert und es wird auch weit in das Jahr 2018 hinein keine definitiven Zahlen geben, sodass man noch einige Zeit nicht wissen wird, wie sich der Kapitalexport 2017 entwickelt hat. Was es heute gibt, sind Prognosen und Dinge wie „Konjunkturbarometer“ oder „Geschäftsklima-Index“ – lauter Geschichten, die auf Umfragen unter den Kapitalisten über deren Optimismus oder Pessimismus basieren – welche aber ihrerseits vom Optimismus der Konjunkturforscher beeinflusst sind, die ihrerseits wieder ihre Prognosen maßgeblich mit der Stimmungslage der Bourgeois begründen.

Was es aber realiter gibt, sind die Zahlen für 2016 1 und das Bild, das sie zeigen, schaut anders aus als der sprühende Optimismus, auf den man überall trifft. Beginnen wir mit den Nettoflüssen (Zu- oder Abflüsse).

Öst Kapex 1 FDI Flüsse

Die Nettoinvestitionen ins Ausland sind 2016 nicht bloß eingebrochen, sondern haben (wie schon einmal im Jahr 2014) in Nettokapitalabflüsse gedreht. Besonders stark ausgeprägt ist dieser Trend für das Hauptjagdrevier des österreichischen Kapitals, die Mittel- und Osteuropäischen Länder (MOEL) mit einem Nettoabfluss von 6,7 Mrd. €.

Die Bestände werden einerseits aus Nettozuflüssen gespeist (bzw. durch Nettoabflüsse reduziert), aber anderseits und in zunehmendem Maß auch aus im Ausland (aufgrund schon früher getätigter Investitionen) realisierten Profiten. Deshalb können sie, entsprechende Profite vorausgesetzt, auch noch steigen, wenn die Neuinvestitionen immer weniger, ja sogar negativ werden. 2016 allerdings stagnierten sie erstmals nahezu. Noch schlechter ging es den Beständen in den MOEL, sie sinken tendenziell schon seit 2012, auch 2016 wieder um 5,2 Mrd. €.

Öst Kapex 2 FDI Bestände

Dabei sollen die Direktinvestitionen insgesamt (d.h. aus der ganzen Welt) in die MOEL- Länder laut Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) 2016 um 23% gestiegen sein 2. Das hieße, dass sich die relative Position Österreichs in diesem Raum verschlechtert hätte. Seit 2012 (als mit 67,3 Mrd. € ein Höchststand erreicht wurde) sind die österreichischen Bestände in den MOEL um 9,0 Mrd. € gesunken. Der Marktanteil der österreichischen Bourgeoisie ist von 11% im Jahr 2014 auf 7,1% im Jahr 2016 gesunken. War Österreich 2014 noch die Nummer 1 in fünf Staaten, so 2016 nur mehr in drei (Kroatien, Slowenien, Bosnien und Herzegowina, nicht mehr in der Slowakei und Serbien). Die Konkurrenz, vor allem die „Deutschlands, das den Großteil der internationalen Wertschöpfungsketten der Region verwaltet“ (wiiw), schläft nicht.

Die aus den österreichischen Direktinvestitionen im Ausland gezogenen Profite („Einkommen“ in der Diktion der ÖNB) haben 2016 einen Sprung von 3,3 Mrd. € nach oben gemacht.

Öst Kapex 3 FDI Profite

Woher kommt dieser Sprung in regionaler Hinsicht? Zum größten Teil aus der Eurozone (1,8 Mrd. €) und aus Asien (1,1 Mrd. €). Die aus den MOEL gezogenen Profite hingegen stagnieren in der Tendenz der letzten Jahre – abgesehen von dem schweren Einbruch 2014, der hauptsächlich auf die Sonderabschreibungen und Kreditrisikovorsorgen im Bankensektor im Ausmaß von 4 Mrd. € zurückgeht. 2016 sind 2016 sind sie gegenüber 2015 um 0,9 Mrd. € gesunken. Kamen 2008 66% allen Profits aus Direktinvestitionen im Ausland aus den MOEL, so 2016 nur mehr 38%.

Mehr noch als die absolute Höhe des Profits interessiert den Kapitalisten die Profitrate. Der Einfachheit halber setzen wir hier für die Profitabilität eine Art Kapitalrentabilität an: wir nehmen einfach das Verhältnis des Profits (dritte Grafik) zum Investitionsbestand (zweite Grafik). Dies ist nicht die Profitrate im marxistischen Sinn, denn die kapitalistischen Bilanzgrößen sind nicht kongruent mit den marxistischen Wertgrößen, aber doch ist es ein guter Anhaltspunkt für die Entwicklung der Profitabilität.

Öst Kapex 4 Profitabilität

Die Profitabilität der MOEL-Direktinvestitionen liegt nach wie vor – wieder abgesehen von dem Einbruch 2014 – höher als im Durchschnitt aller FDIs. 2016 lag sie bei 8,5% auf den Kapitalbestand – für die weltweiten österreichischen FDIs lag sie bei 6,8%.

Die Aneignung fremden Mehrwerts durch Direktinvestitionen in den MOEL hält an und leistet nach wie vor einen wichtigen Beitrag zur Stützung der Profitrate des österreichischen Kapitals – aber diese Quellen neokolonialen Profits und Extraprofits sprudeln nicht mehr wie vor einigen Jahren und trocknen an einigen Stellen aus bzw. sind schon ausgetrocknet. Ohne eine energische „Anstrengung zur Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit“ und weitere „neoliberale“ Reformen, sprich ohne Steigerung der Ausbeutung und Erhöhung der Profitrate im Inneren wird es nicht gehen. Welche Regierungskonstellation das am Besten bewerkstelligt, soweit es um die dafür notwendigen staatlichen Maßnahmen geht, wird sicher in der Bourgeoisie intensiv diskutiert. Für so etwas kann die ÖVP-FPÖ-Regierung gut sein, zumindest von ihren martialischen Ankündigungen her, jedenfalls für einen gewissen Zeitraum. Zumindest kann man es mit ihr versuchen und sie für ein paar energische Vorstöße vorschicken. Ob allerdings ein brachialer Raubzug in der Praxis ohne aktive Mitwirkung und Regierungsbeteiligung der SPÖ und ohne Einbindung der Gewerkschaftsführungen auf Dauer leichter geht als die „sozialpartnerschaftliche“ Masche unter dem Gerechtigkeitsmäntelchen, ist fraglich. Scharfmacherei in der Propaganda ist eines, „erfolgreiche“ praktische Durchsetzung der Interessen der Bourgeoisie ein anderes. Wenn es nicht klappt, steht immer noch die SPÖ bereit, wieder „Verantwortung zu übernehmen“. So oder so haben wir uns auf eine Verschärfung der Attacken der Bourgeoisie einzustellen und dementsprechend auf eine Verschärfung der Klassenwidersprüche und, hoffentlich, auch der Klassenkämpfe.

Quellen: https://www.oenb.at/Statistik/Standardisierte-Tabellen/auszenwirtschaft/direktinvestitionen.html; Abgriff 3.12.2017

FDI Report 2017-06 June 2017 (https://wiiw.ac.at/recovery-amid-stabilising-economic-growth-p-4223.html)

Datenbasis der Graphiken

(https://www.oenb.at/Statistik/Standardisierte-Tabellen/auszenwirtschaft/direktinvestitionen.html; Abgriff 3.12.2017)

Aktive Direktinvestitionen in Mio. € (ÖNB)            
Bestände

2007

2008

2009

2010

2011

2012

2013

2014

2015

2016

Global

102099

106483

118032

135936

149273

158826

168107

179654

188522

190036

MOEL

52765

53537

55311

60560

61845

67336

66786

59593

63502

58280

Flüsse  
Global

26186

19598

7917

7237

15763

10203

11725

-547

6294

-3182

MOEL

17566

10002

2990

3168

6165

4928

2464

-3254

4429

-6742

Einkommen  
Global

10463

7527

6900

9402

10732

10719

10461

8624

9611

12931

MOEL

5724

4977

3308

4269

4727

4984

5418

515

5821

4937

Profitabiltät  
Global

10,2

7,1

5,8

6,9

7,2

6,7

6,2

4,8

5,1

6,8

MOEL

10,8

9,3

6,0

7,0

7,6

7,4

8,1

0,9

9,2

8,5

FUSSNOTEN

1 An dieser Stelle ein Hinweis: Auch bei den Zahlen für 2016 handelt es sich nur vorläufige, selbst dann, wenn sie evt. als endgültige bezeichnet werden. Die diesbezügliche ÖNB-Statistik wird bis zu drei, vier Jahren rückwirkend immer wieder nachträglich korrigiert, d.h. mindestens bis einschließlich 2014, und es handelt sich dabei teilweise um schwerwiegende Korrekturen. Z.B. wurde lange Zeit der Einbruch der Profite 2014 heruntergespielt; es wurde eine Profitabilität der FDIs in den MOEL von 6,1% statt (wie heute rückwirkend für 2014) von 0,9% und bei den Flüssen ein Zufluss von 1,7 Mrd. € statt einem Abfluss von 3,3 Mrd. € ausgewiesen (!). Das kann, muss aber nicht immer nur Schwindelei sein. Z.B. können sich Korrekturen daraus ergeben, dass die Angaben der Firmen nicht mit den Zahlungsverkehrsstatistiken der ÖNB zusammenstimmen und dann abgeglichen werden. So erklären sich auch Abweichungen des Zahlengerüsts in früheren Artikeln zum selben Thema in dieser Zeitschrift – wir können halt bei aller Unzulänglichkeit und auch allem Misstrauen gegenüber der bürgerlichen Statistik nur davon ausgehen, was sie uns an jeweils aktuellsten Daten liefert.

2 Das WIIW berechnet die FDI-Bestände nach anderen Kriterien als die ÖNB. So weist es für 2016 österreichische Bestände in den MOEL von 75,4 Mrd. € aus, die ÖNB nur 58,3 Mrd. €. Das WIIW ergänzt zu seinen 23% Anstieg allerdings, um vor überbordendem Optimismus zu warnen: „Diese Veränderungen (2016) stellen genau das Gegenteil jener im Jahr zuvor dar …(wo die FDI in die MOEL) zurückfielen. Der Schnitt über mehrere Jahre zeigt einen positiven Gesamttrend, allerdings keine Rückkehr zu den hohen FDI-Zuflüssen in den Jahren vor der Krise.“

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